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Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Hier gehört alles rein was mit dem Thema Flugangst zu tun hat und in keine andere Kategorie passt.

Moderator: Jürgen

SandraBPunkt
Beiträge: 3
Registriert: Samstag 7. Dezember 2019, 20:11

Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ungelesener Beitrag von SandraBPunkt » Samstag 7. Dezember 2019, 20:31

Guten Abend liebes Forenteam,

ich hoffe auf diesem Wege Hilfe gegen meine Flugangst zu erhalten.

Ich bin schon immer ungern geflogen, irgendwann konnte ich es aufgrund beruflicher Erfordernisse nicht mehr umgehen. Bei einigen dieser Flüge wurde meine Flugangst geweckt und später immer mehr „gefüttert“. So kam ich bei einem Rückflug von Tegel nach Köln in extreme Turbulenzen, das Flugzeug sackte nicht nur ein Mal ziemlich ab. Selbiges gilt für einen Flug von Miami nach Düsseldorf, als wir mit Hurrikanausläufern konfrontiert wurden.

Seitdem zwinge ich mich regelmäßig (weil eben beruflich erforderlich, oder privat nicht anders lösbar) in Flugzeuge. Bevor ich meine Tochter bekommen habe, habe ich vor jedem Flug Tavor eingenommen, währenddessen ein Glas Rotwein getrunken und dann war das Thema durch. Nun habe ich jedoch mein kleines Anhängsel das ich zudem auch noch stille und darf Tavor nicht mehr nehmen. Auch der Rotwein bleibt immer bei der Stewardess. Insofern muss ich jeden Flug „allein“ durchstehen. Oftmals reichen schon wenige Turbulenzen um mich in Angst zu versetzen. Es geht dann soweit, dass ich meine Tochter verkrampft auf dem Schoß halte während sie trinkt und ich weinend versuche den Flug zu überstehen. Mein Mann möchte dann meine Hand halten und spricht mir gut zu. Ich bin dann aber fast nicht mehr ansprechbar.

Nun ist es so, dass ich eigentlich erst einmal nicht mehr fliegen wollte und müsste, weil ich in Elternzeit bin und wir erst einmal auf Flugreisen verzichten möchten. Zwei ganz liebe Freundinnen aus den USA möchten mich jedoch „überreden“ an einem Ausflug nach NYC teilzunehmen. Ich müsste also allein von FRA nach NY fliegen. Allein der Gedanke verursacht schon Bauchschmerzen und ruft Horrorszenarien hervor. Andererseits wäre es die letzte Möglichkeit mit meinen Freundinnen NY zusammen und um die Weihnachtszeit genießen zu können. Seit 18 Monaten auch einmal wieder ohne Kind unterwegs zu sein (was ein anderes großes Thema ist). Habt Ihr Rat? Was kann ich tun?

Herzliche Grüße und Sorry für den langen Text.

Mel78
Beiträge: 658
Registriert: Mittwoch 27. Januar 2016, 19:23

Re: Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ungelesener Beitrag von Mel78 » Montag 9. Dezember 2019, 07:56

Hallo und herzlich willkommen,

gut, dass du nun gezwungen bist, auf Tavor und Alkohol als Mittel gegen Flugangst zu verzichten. Es ist nämlich die schlechteste Art, deine Ängste anzugehen (bzw. gehst du sie damit nicht an.) Hier gibt es einiges zum Thema auch von Fachleuten und auch ich hatte damals anfangs den Gedanken, dass das doch die perfekte Lösung wäre.

Zuerst einmal: Wovor genau hast du Angst? Du hast jetzt schon einige Flüge mit Turbulenzen erlebt. Versuche genau daraus schon mal das Positive zu ziehen: Nämlich. Turbulenzen bringen einen Flieger nicht zum Absturz. Ich hatte früher immer Horrorvisionen von brennenden Triebwerken und abbrechenden Tragflächen, die im gleichen Atemzug das Flugzeug im Sturzflug in die Tiefe fallen lassen. Erst hier und beim Beschäftigen mit dem ganzen Thema ist mir klar geworden, dass diese Vorstellungen so wohl nur in einem Hollywoodfilm stattfinden.

Ich persönlich bin bis 2016 nie geflogen. Schon die Nähe zu Flugzeugen machte mir Angst. Aber der Traum von New York war größer und aus Erffahrung sage ich dir: Arbeite zuerst hier an deiner Flugangst und dann ab nach New York. Diese Stadt ist doch so mega genial :D

Heute fliege ich gerne und freue mich aktuell auf den 27.12, wo es nach Miami und von dort auf Karibikkreuzfahrt geht. Meinen Weg kannst du hier auch nachlesen. Außerdem gibt es hier viele gute Infos und diverse Hilfsangebote. Stelle alle Fragen, egal wie "doof" sie dir selber vorkommen. Hier wird wirklich sehr lieb und nett geholfen.

LG mel

SandraBPunkt
Beiträge: 3
Registriert: Samstag 7. Dezember 2019, 20:11

Re: Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ungelesener Beitrag von SandraBPunkt » Montag 9. Dezember 2019, 12:40

Hallo Mel,

Danke für Deine Antwort. Du hast recht, es ist gut zu wissen, dass ich es ohne Medikamente und Alkohol schaffe zu fliegen. Im Jahr 2017/2018 habe ich es auch fast zum Gold Member bei United geschafft, am Ende fehlten 1200 Meilen. Das waren nicht immer schöne Flüge, ich habe sie aber überstanden. Jedoch zu welchen Preis? Ich komme total gestresst am Zielort an, gehe dort meinen Terminen nach und fliege teilweise keine 24 Stunden später wieder mit dem Boss nach Hause. Kaputt, ausgelaugt, wieder in Angst auf dem Heimflug. Wenn ich mit der Familie fliege ist die Flugangst teilweise schlimmer.

Ich kann auch gar nicht beschreiben was es alles ist das mich verrückt macht. Das Wackeln bei den Turbulenzen, das Absacken, die Rufe der anderen Passagiere. Dazu die Angst nicht mehr nach Hause zu kommen weil man mitten über dem großen Teich ist und auf der Karte nur Wasser zu sehen ist. Ich saß während meinem letzten Flug zufälligerweise neben einem Piloten mit dem ich irgendwann ins Gespräch kam. Er hat mir versucht zu erklären was da gerade passiert, warum das Flugzeug beim Flug durch die dicke Wolkendecke wackelt und auch warum es beim Landeanflug in Las Vegas bei schönstem Wetter trotzdem schlingert und holpert.

Nichts hat geholfen. Ich komme mir währenddessen immer verloren vor und habe Angst nie wieder meine Lieben zu sehen. Der Absturz der 737 Modelle hat das Ganze nicht verbessert und ich lese jeden Bericht über Probleme bei Flügen in den Nachrichten. Warum kann ich nicht mal sagen, es ist aber wie ein Zwang. Auch als eine (ich glaube American Airlines Maschine) in den Hagelschauer kam und ich am nächsten Tag fliegen musste war mir speiübel.

Nun kommt noch dazu, dass ich zum ersten Mal meine Tochter allein lassen würde (mit dem Papa) um im „schönsten“ Winterwetter den Flug über den Atlantik anzutreten. Ich würde sehr gerne das erste Mal seit ihrer Geburt mit meinen Freundinnen etwas erleben. Jedoch bin ich jedes Mal bei Flügen im Winter über den Teich in Turbulenzen geraten. Ja, ich habe sie überstanden und versuche es mir immer wieder vor Augen zu führen. Rational gesehen weiß ich auch sehr wohl wie viel jeden Tag geflogen wird ohne das etwas passiert. Ich habe aber immer das Gefühl, dass es mich jetzt trifft und werde es einfach nicht los.

LG
Sandra

Hollywood
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Re: Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ungelesener Beitrag von Hollywood » Montag 9. Dezember 2019, 13:42

Hallo Sandra,

du scheinst ja primär Angst vor Turbulenzen zu haben und stigmatisiert diese als etwas schlimmes und gefährliches. Das zeigen ja Aussagen wie "du hast diese überstanden".

Auch wenn dir mal ein Pilot erklärt hat, was Turbulenzen bedeuten und wie ungefährlich diese sind, scheint dies noch nicht in deinem rationalen Denken angekommen zu sein, auch wenn du die Worte womöglich verstanden hast.
Insofern die Turbulenzen tatsächlich primär für deine Angst verantwortlich sind, musst du dich intensiv mit der Thematik auseinander setzen. Es gibt hierzu unzählige Videos bei Youtube die anschaulich und gut verständlich erklären, was da genau mit der Luft und dem Flugzeug passiert.
Ich persönlich finde, dass das Wort "Turbulenz" allein durch den Begriff bei vielen Menschen Unwohlsein verursacht, im Sinne von: Tumult, wild, chaotisch, hitzig. Schöner wären Wörter wie: Schwungphasen oder Bewegungsflug :D
Hinzu kommt dann noch Unwissenheit über das, was da passiert, und schon ist die Angst da.
Viele Flugangst-Betroffene scheinen irrtümlicher Weise davon überzeugt zu sein, dass nur ein komplett ruhiger und wackelfreier Flug als Normalzustand gilt. Dem ist eben nicht so, wenn man sich vor Augen führt, wie viel Bewegung in der Luft herrscht.

Ich bin mir sehr sicher, dass du deine Angst in den Griff bekommst, wenn dein Gehirn vollumfänglich verstanden und verarbeitet hat, was Turbulenzen im Detail und wie ungefährlich diese sind.

Viel Erfolg!

Roichi
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Re: Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ungelesener Beitrag von Roichi » Montag 9. Dezember 2019, 21:21

Ich würde den Begriff Luftwellen nehmen. Das entspricht nämlich genau dem, was Turbulenzen sind. Wie bei einem Schiff auf dem Meer.
Und genau wie bei Schiffen, ist das Flugzeug dafür gebaut.
Dipl.-Ing. Luft- und Raumfahrttechnik

Mel78
Beiträge: 658
Registriert: Mittwoch 27. Januar 2016, 19:23

Re: Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ungelesener Beitrag von Mel78 » Dienstag 10. Dezember 2019, 07:43

Richtig, es scheint bei dir im Kopf (Unterbwußtsein) noch nicht angekommen zu sein, was dir selbst ein Fachmann wie der Pilot erklärt haben. Und das ist normal. Denn das erfordert wirklich Zeit und das intensive Auseinandersetzen damit. Das kommt nicht bei einem an, nur weil man es vielleicht irgendwo ein paar Mal hört. War bei mir nichts anderes. Ich habe mich ein halbes Jahr lang wirklich so ziemlich täglich mit dem Fliegen und meinen Ängsten auseinandergesetzt. Nach un nach hat sich das alles wirklich verfestigt und somit ist das Vertrauen nun da.

Vor allem hat mir auch am Ende geholfen, Gefahren in Relation zu setzen und mir BEWUSST!! zu machen, dass im Alltag viel mehr passieren kann und auch oft passiert. Wie gesagt: Gewusst habe ich das ja - liest und hört man ja oft genug. Aber nur durch Wissen alleine geht die Angst nicht. Heute ist es tief verankert.

Du machst dir ja zum Beispiel Gedanken, ob du deine Lieben wieder siehst, wenn du mit dem Flieger über den Atlantik fliegst. Stellst du dir diese Frage auch, wenn du morgens das Haus mit dem Auto oder dem Rad verlässt? Vermutlich nicht. Dabei üsste man sich da die Frage viel öfter stellen, bei dem, was alles so täglich passiert.

Ich würde wirklich an diesen Stellen ansetzen und es versuchen. Ob es bei dir am Ende so hilft, wie es das bei mir getan hat, weiß ich nicht. Aber ich kann mich da durchaus wiederfinden.

LG mel

SandraBPunkt
Beiträge: 3
Registriert: Samstag 7. Dezember 2019, 20:11

Re: Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ungelesener Beitrag von SandraBPunkt » Mittwoch 11. Dezember 2019, 08:01

Hallo und Danke an alle die auf meinen Text geantwortet haben.

Ich habe mir wie empfohlen auf YouTube ein paar Videos zum Thema Turbulenzen oder Luftwirbel angesehen. Diese waren aufschlussreich und haben etwas mehr zur Aufklärung „was passiert da“ beigetragen. Ich denke meine mit größte Angst ist tatsächlich, dass das Flugzeug in ein Luftloch gerät, mehrere Meter absackt und sich dann nicht mehr fängt bzw. der Druck zu groß ist und etwas schlimmes passiert.

Mel, du hast gefragt ob ich mir die Frage nach dem Heim kommen jeden Tag wenn ich das Haus verlasse stelle. Nein, natürlich nicht jeden Tag, dann würde ich tatsächlich verrückt werden. Tatsächlich aber fahre ich bewusster Auto. Auf der Autobahn fahre ich nicht mehr zwischen LKWs und wenn ein Stau aufkommt ziehe ich ganz nach links um nicht von einem möglicherweise übermüdeten LKW Fahrer überrollt zu werden. Das kann mir mit einem Autofahrer genauso passieren, keine Frage. Aber ja, ich bin im Allgemeinen vorsichtiger geworden. Das mag auch beruflich bedingt sein.

Wie es der liebe Zufall aber so will: heute Morgen ist eine Meldung in der Zeitung: ein Flug von LH auf dem Weg von Fra nach NY musste wegen Hydraulikproblemen über dem Atlantik umkehren und ist dann (sicher) in CGN gelandet. Ja, die Piloten haben es richtig gemacht und gehandelt bevor etwas passiert ist. Ich weiß aber genau, dass ich nicht mehr in ein anderes Flugzeug gestiegen wäre an diesem Tag/ in diesen Wochen. Da kommen schon wieder Bilder hoch und mir wird übel. Ja, mein Auto kann auch auf dem Weg in den Urlaub eine Panne haben. Keine Frage. Warum aber landen die Piloten in Köln und nicht in Hamburg oder wieder in Frankfurt? Haben sie versucht bis nach Fra zu kommen und konnten dann im letzten Moment nur durch die Landung in Köln etwas schlimmeres verhindern?

Viele Grüße
Sandra

Hollywood
Beiträge: 26
Registriert: Dienstag 21. August 2018, 12:54

Re: Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ungelesener Beitrag von Hollywood » Mittwoch 11. Dezember 2019, 09:25

Hi Sandra,

es gibt in dem Sinne keine Luftlöcher und ein Flugzeug kann nicht in ein solches "hineinfallen". Setze dich mehr mit dem Thema auseinander, deiner Angst zu Liebe ;)

Zu dem von dir angesprochen Flug der nach Köln zurück kehren musste: laut aviation herald bestand zu keiner Sekunde Gefahr für einen der Passagiere. Es handelte sich nur um eine übliche (strenge) Vorsichtsmaßnahme im Zuge des von dir schon benannten Hydraulikproblems. Das Flugzeug ist in Köln und nicht in Frankfurt wegen des Nachtflugverbotes gelandet.
Sieh es mal so: wärst du mit dem Auto unterwegs und irgend eine kleines Kontrolllämpchen würde angehen, würden wohl die wenigsten die Fahrt abbrechen und auf kürzestem Wege zurück nach Hause fahren und wenn doch, würden wohl alle Mitfahrer wohl nur mit den Augen rollen. Bzw. bekommt man als PKW Fahrer ja oft garnicht mit, dass es ein Problem am Fahrzeug gibt oder sich eines anbahnt.
Im Flugzeug gibt es deutlich sensiblere und unzählige Kontrollinstrumente. Gibt es Auffälligkeiten, gilt "safety first" und man landet die Maschine unverzüglich um das Problem abzuklären. Hier sollte man aber grundsätzlich zwischen einer Auffälligkeit und einem Notfall unterscheiden. Letzterer bestand bei deinem Beispiel nicht.

LG

Mel78
Beiträge: 658
Registriert: Mittwoch 27. Januar 2016, 19:23

Re: Und immer wieder grüßt das Murmeltier

Ungelesener Beitrag von Mel78 » Mittwoch 11. Dezember 2019, 13:21

sensibler und auch bewußter zu fahren ist ja auch gut und in Ordnung. Aber trotzdem stellst du dir (richtiger Weise) nicht jedes Mal die Frage und schiebst Panik. Und genau das musst du beim Fliegen erreichen. Und das geht wirklich - aber es ist eben ein Weg, der aus viel Arbeit und Lernen besteht. So war es bei mir zumindest. Gelohnt hat es sich alle Male.

BTW: Früher wäre ich wohl auch so gewesen (bzw. hätte keinen Flug gebucht oder angetreten, wenn ich solche Meldungen gehört hätte)

Mittlerweile kann ich sogar Meldungen von Abstürzen ab, ohne dass ich da irgendwas anderes fühle, als wenn es ein Bus oder Zug wäre. Boeing ist derzeit ja auch eher oft negativ in den Schlagzeilen. Und auch, wenn ich bekennender Airbusfan bin, steige ich am 27 ohne Bedenken auch in eine Boeing und Fliege nach Miami.

Und glaube mir: Früher wäre da nur Panik gewesen - sogar ja soviel, dass ich nie geflogen bin.

LG mel

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