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Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Hier gehört alles rein was mit dem Thema Flugangst zu tun hat und in keine andere Kategorie passt.

Moderator: Jürgen

Kathrin
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Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Kathrin » Donnerstag 28. Mai 2015, 13:35

Hallo zusammen,

ich möchte gerne von meinem gestrigen Flug nach Spanien berichten, Flugzeit 2.30h, bestes Wetter, minimalste Turbulenzen ohne Anschnallzeichen im Reiseflug, A 320.

Wir waren gerade mit dem Service fertig und standen zu zweit in der Bordküche, beschäftigt mit dem Wegräumen der Wagen. Auf einmal ging der Vorhang auf und ein Mann stellte sich breitbeinig vor mich.
"Hallo", sagte er.
"Hallo", antwortete ich. "Möchten Sie zur Toilette oder kann ich Ihnen noch etwas anbieten?"
"Weder noch. Ich habe nämlich Flugangst und will mich mit ihnen unterhalten. Jetzt!"
Bei genauerem Betrachten war der Herr nicht mehr ganz bei sich, im Gesicht hochrot, blutunterlaufene Augen, fahrige Gesten.
Die Erklärung dazu bekam ich postwendend.
"Wissen Sie, wenn ich Angst habe, dann nehme ich vor dem Flug eine Pille. Und wenn die nicht hilft, dann trinke ich einen Wein. Und wenn der auch nicht hilft, muss ich herumlaufen. Und bevor ich eine Panikattacke bekomme, muss ich mich mit einer Stewardess unterhalten. Und kurz davor ist es jetzt."

Ich habe mich mit dem Mann unterhalten, versucht ihm zu helfen. Leider war er schon so zugedröhnt, dass ich mich auch mit dem Vorhang hätte unterhalten können. Meine Worte drangen nicht mehr zu ihm durch. Er redete und redete, hörte nicht zu, fasste mich ständig am Arm oder an der Schulter an und wurde dabei immer forscher. Wenig später kamen zwei andere Kollegen in die Küche mit dem Bordverkaufswagen und ich nahm die Gelegenheit, um den Mann zurück an seinen Platz zu schicken, aus simplen Platzmangel in der Flugzeuggalley. Die ist mit fünf Personen definitiv überfordert. Der Gast zog von dannen, wohl in der Hoffnung, woanders noch einen Flugbegleiter auftreiben zu können.

Ganz ehrlich? Ich hatte Mitleid mit ihm. Aber ich war nicht in der Lage, dem Menschen zu helfen. Er kam erst zu mir, als der Wald schon brannte, da brauche ich auch keinen Eimer Wasser mehr auskippen. Ich weiß nicht, was es für Pillen waren und wie viel Alkohol im Spiel war. Bei der Kollegin hatte er nur einen Wein bestellt. Meine einzigen Gedanken waren trotz der Empathie und des Mitgefühls ganz profan: Hoffentlich bekommt er keine Panikattacke. Diese sind nicht nur für den Flugangstpatienten unangenehm, sondern auch für die Gäste und das Personal. Besonders wenn es soweit geht, dass die Kandidaten zur Tür rennen und aussteigen möchten. Die geht zwar im Reiseflug nicht auf, aber solche Aktionen haben immer einen sehr schlechten Einfluss auf die Stimmung von latent Flugängstlichen, die drum herum sitzen.
Mein zweiter Gedanke, hoffentlich behält er alles bei sich und kollabiert nicht. Gäste, die sich mit Medikamenten und/oder Alkohol in eine rosa Wolke katapultieren, sind ein Sicherheitsrisiko. Für sich selbst und für andere. Im Falle eines Notfalles würde so eine Person behindern.

Was ich mit dieser Geschichte zeigen möchte: Wir Flugbegleiter helfen wirklich gern und die allermeisten mit einer Engelsgeduld und einem Sack voll Verständnis. Ich weiß nicht, wie oft ich in 25 Jahren Händchen gehalten, beruhigt, betüddelt und erklärt habe. Wir machen das gern, egal wie kurz oder lang der Flug ist. Bei mir bekommen auch mal 10 Gäste keinen Tomatensaft oder ähnliches, wenn ich auf der Kurzstrecke jemandem gut zureden muss. Das geht definitiv vor. Aber wenn sich jemand vorsätzlich abschiesst und erst kommt, wenn das Kind schon im Brunnen ist, bleiben uns wenig Möglichkeiten noch was zu tun.

Wenn dieser Gast seine Flugangst bekämpft, indem er versucht sein Bewusstsein auszuschalten und die Angst zu unterdrücken, ist es definitiv der falsche Weg. Das geht auch ganz anders, wie zahlreiche Berichte hier im Forum zeigen. Dieser Weg ist der falsche, er belästigt seine Mitreisenden und macht sich selbst zum Sicherheitsrisiko. Schlechte Voraussetzungen für einen entspannten Flug.
Zuletzt geändert von Kathrin am Donnerstag 28. Mai 2015, 20:39, insgesamt 1-mal geändert.
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Flug 3451

Re: Was man als Flugangstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Flug 3451 » Donnerstag 28. Mai 2015, 20:23

Hallo fliegerelli, :)
vielen Dank, das du uns an deinen Erlebnissen in der Luft teilhaben lässt und ehrlich ich hoffe,
dass es nicht das letzte Mal sein wird.

Durch deine Erzählung wird, das was wir oft theoretisch erzählen plastischer und hilft dem einen
oder anderen sich ein besseres Bild machen zu können.

Ich bin so ein bisschen hin und her gerissen. Einerseits habe ich viel Mitleid mit dem flugängstigen Mann und andererseits, wenn er es als Methode bei jedem Flug macht, finde ich das ziemlich blöd und egoistisch gegen über euch Flugbegleitern. Denn dann finde ich hat er sich aus eurem Fürsorgeprogramm rausgedreht.

Liebe Grüß, :)
Astrid

Marvin
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Marvin » Montag 1. Juni 2015, 15:57

Hallo fliegerelli,

vielen Dank für deine geteilte Erfahrung aus der Flieger-Praxis, die wirklich gut verdeutlicht, weshalb "nen paar Gläschen Alkohol" und/oder "1-2 Pillen" kein hilfreicher Weg bei Flugangst sind.
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Noisetier » Dienstag 2. Juni 2015, 05:46

Wirklich ein schoenes Beispiel, obwohl ich mir die Auswirkungen gar nicht so krass vorgestellt haette :shock: .

Norbert
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Norbert » Donnerstag 4. Juni 2015, 17:37

Hallo fliegerlli,

vor zwei Wochen auf dem Condorflug PuntaCana - München war deine Kollegin ein wenig schlecht aufgelegt.

Ich frage mich seitdem ob wir, drei Ehepaare der Grund dafür waren. Was war passiert, Bisunisgaste werden ja immer aufgefordert zuerst einzusteigen. In Punta Cana waren wir aber auch schon so Spät am Gate da lief das Bording schon. Haben uns dann noch mal hin gesetzt und waren dann unter den letzten Pasagieren welche eingestiegen sind. Da wir alle Reihe 1 hatten dachte ich eigentlich nicht das dies irgend welche Probleme machen würde.

Haben wir wirklich da was unabsichtlich durcheinander gebracht oder war sie einfach nur Mensch, man kann nicht immer nur perfekt aufgelegt sein.

Grüße
Norbert

Kathrin
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Kathrin » Donnerstag 4. Juni 2015, 21:07

Hallo Norbert,

ehrlich gesagt verstehe ich Deinen Post nicht so ganz.
Warum soll denn die Kollegin schlecht drauf gewesen sein, nur weil Ihr später am Flieger wart?
Das ist doch ganz egal, Hauptsache rechtzeitig zum Start ?
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Jürgen
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Jürgen » Freitag 5. Juni 2015, 08:29

Norbert,

bist Du sicher, das Dein Post hier hin gehört? :(

Jürgen
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Gerd
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Gerd » Freitag 5. Juni 2015, 11:23

Eine tolle Geschichte! Der arme Mann!
Er hat kreativ versucht, sich selbst zu helfen, sogar mit an die Angsteskalation angepassten Strategien! Hat ihm nur nix genützt, weil (fast) alle Strategien dysfunktional waren. So bekommt man Angst nicht nachhaltig bewältigt, sondern es gibt höchstens einen nagstmäßigen Nachschlag.
Derr Herr schien auch gänzlich uninformiert zu sein: Was seine Angst betrifft, was das Lernen und Verlernen betrifft und was die Wirkung von Medikamenten und Rotwein angeht. Ein vorheriger Besuch hier bei uns hätte bestimmt geholfen.

Ich denke aber, man kann als Flugängstlicher noch viel mehr falsch machen (Achtung: ironisch gemeint):

1. Informiere Dich nicht darüber, warum Flugzeuge fliegen, sondern warum Flugzeuge abstürzen. Anlaysiere jeden Unfall der letzten drei Jahre im Detail!
2. Denke immer, dass das Schlimmste passieren kann. Aufregung hat noch niemandem geschadet
3. Spare Zeit und komme immer 'kurz vor knapp' am Flughafen an.
4. Rede niemals mit jemandem über Flugangst.
5. Vertraue niemandem, auch nicht den Piloten im Cockpit. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
6. Freue Dich nicht auf Dein Reiseziel, zu Hause ist es eh am schönsten.
7. Lenke Dich während des Fluges ab: Spiele, starre aus dem Fenster, texte Deinen Sitznachbarn zu...

Da gibt's bestimmt noch mehr, aber ich muss wieder an die Arbeit. ;)

Happy WE für Euch alle!

Gerd
Dipl.-Psychologe | Seminarleiter
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Aviophobiker
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Aviophobiker » Freitag 5. Juni 2015, 18:09

dieser mann könnte auch ich gewesen sein. sollte ich überhaupt jemals ein flugzeug betreten glaube ich kaum das ich das nicht total zugedröhnt machen werde. anders würde ich die anspannung vermutlich kaum ertragen.

Flug 3451

Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Flug 3451 » Freitag 5. Juni 2015, 18:22

Mit dieser Haltung solltest du lieber kein Flugzeug besteigen. Du bringst dich und die anderen damit in Gefahr.
A wie Angst und A wie Anspannung. Du musst was dagegen tun, von alleine wird weder die Angst noch die
Anspannung gehen. Da kannst du lange drauf warten.

Du musst aktive was gegen deine Angst tun um sie in den Griff zubekommen. Das kostet Nerven, das
kostet Kraft, das kostet Zeit aber es lohnt sich. Weil du es doch Endeffekt für dich tust und deine neue Beziehung.
Möchtest du das deine Freundin aus Liebe zu dir immer auf dem Boden bleibt, finde ich egoistisch. Was machst du
aus Liebe zu ihr, dass du deine Flugangst in den Griff bekommst? :)

Aviophobiker
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Aviophobiker » Freitag 5. Juni 2015, 18:26

ich würde aber kein unterfangen von ihr verlangen bei dem die möglichkeit besteht zu sterben ;)
anders herum wäre es aber schon der fall, meiner meinung nach.

Roichi
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Roichi » Freitag 5. Juni 2015, 23:39

Ganz sicher nicht.
Denn du wirst nicht sterben, auch wenn dir deine Angst das einreden will.
Es ist und bleibt aber nicht real.
DAS ist der Unterschied.
studiert Luft- und Raumfahrttechnik

teddx
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon teddx » Samstag 6. Juni 2015, 09:03

Ich kann Aviophobiker schon verstehen und jeder Flugangst geplagte wohl auch. Man bucht den Flug und fängt dann an die Tage zu zählen. Es gibt nur ein VOR dem Flug, kein danach.

Als ich den letzten Flug storniert habe, war ich kurz vorher noch einkaufen und dort hatten sie meinen Lieblingstee im Angebot. Ich wollte 4 Großpackungen kaufen und habe mir dann gedacht "Warum soviel? Du kannst es doch nicht mehr aufbrauchen". Irre, oder?

Aber bei der Angst spielt der Gedanke, dass man das nicht überlebt, eine große Rolle. Zumindest bei uns.


Nur am Rand:
Ich hab's mit Alk auch mal probiert und das klappt definitiv nicht. Zumindest nicht bei mir. Aber keine Sorge, habe niemand belästigt oder bin unangenehm aufgefallen. Aber der Alkohol verstärkt die Angst nur.

Gruß
teddx

Kathrin
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Kathrin » Samstag 6. Juni 2015, 10:49

Keine Sorge, Aviophobiker, total zugedröhnt wirst Du kein Flugzeug von innen sehen.
Du wärest nicht der erste, der sich seinen Urlaub selbst verdirbt, weil er beim Boarden nicht mehr Herr seiner Sinne ist.
Menschen die offenkundlich unter Einfluss von Alkohol oder Medikamenten stehen, nehmen wir nicht mit. Sie sind ein unkalkulierbares Risiko für sich und alle anderen.
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Re: Was man als Flugängstlicher NICHT machen sollte ...

Ungelesener Beitragvon Jürgen » Samstag 6. Juni 2015, 15:13

Hallo,

Alkohol ist zwar für den einen oder anderen der vermeintliche Retter in der Not, hilft aber leider nicht und wirkt in großen Höhen mehrfach so stark wie am Boden.

Außerdem machen solche Leute es einer Crew bei einer Notfallevakuierung besonders schwer. Schonmal versucht, einen 100 kg schweren Mann der sich wie ein nasser Sack anfühlt zu bewegen?

Bitte mal drüber nachdenken...

Jürgen
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