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Weg von Lorazepam - oder nicht?

Fragen zur Angst, Therapiemöglichkeiten, Entspannungstechnicken, Seminare hier herein.

Moderator: Jürgen

Welanya
Beiträge: 1
Registriert: Freitag 8. Juni 2018, 22:15

Weg von Lorazepam - oder nicht?

Ungelesener Beitrag von Welanya » Freitag 8. Juni 2018, 22:36

Hallo in die Runde,

das Forum hier habe ich neu entdeckt und schon viel gelesen. Bald steht die erste Fernstrecke an und nach einigen Flügen stelle ich mir doch die Frage, wie es sinnvoll weitergehen kann.

Bis zu meinem 27. Lebensjahr habe ich das Fliegen aus Angst vermieden, bzw. es war überhaupt keine Option für mich (mangels Geld während des Studiums kam die Frage auch nie auf).

Das änderte sich mit einem sehr reisefreudigen Partner. Nach viel Zögern planten wir die erste Reise nach Mallorca. Ich war schrecklich aufgeregt und konnte nur unter der Bedingung einwilligen, dass ich Beruhigungstabletten mitnehme. Lorazepam war das Mittel der Wahl. Dennoch bereitete ich mich durch viel Lesen, üben von Atemtechniken etc. darauf vor, um es so zu schaffen. Vorab testete ich die Tabletten allerdings einmal bei einem Spaziergang im dunklen Park um mir Sicherheit zu geben (was ich "nüchtern" aus Angst vor Dunkelheit nie getan hätte) und das ging so weit gut. ( hab ich seitdem gar kein Problem mehr mit Dunkelheit, was ein netter Nebeneffekt war, aber nicht die Regel bei dem Zeug)

Schlussendlich fühlte ich mich am Flughafen super, als wir jedoch am "Schlauch" zum Einsteigen standen, kam die Panikattacke. Es war das fieseste Angstgefühl, was ich bis dato kannte. Ich schmiss mir in meinem Brausekopp die Tabletten ein, wurde nach 30 Minuten ruhiger, überstand den Flug entspannt.

Auf dem Rückflug warf ich die Benzos früher ein und so ging das dann die nächsten 8 Flüge über die letzten 2 Jahre (zwischen 0,75 und 1,5 mg). Mittlerweile finde ich die Fliegerei nicht mehr so schlimm wie damals, stütze mich aber immer noch auf die Tabletten. Immerhin kann ich jetzt völlig selbstverständlich "einfach" wegfliegen - das hat mein Leben allein schon sehr verändert. Ich hab immer meinen Mp3 Player mit spezieller Flug-Playlist und vielen positiv besetzten Liedern dabei, das hilft auf jeden Fall noch zusätzlich als kleines Ritual - besonders beim Start.

Auch wenn ich durch die Tabletten nur wenig eingeschränkt bin, so lange ich nicht Autofahren muss, wäre es doch besser, einfach mal ganz normal zu fliegen und mich dem ganz klar und nüchtern auszusetzen. Da die nächste Strecke die, wie gesagt, erste Fernstrecke wird, glaube ich nicht es da auf dem Hinflug schon ohne schaffen zu können - aber auf dem Rückflug vielleicht. Wer von euch ist von Benzos weggekommen? Ist die Flugangst völlig verschwunden?

biggi-65
Beiträge: 342
Registriert: Montag 25. Februar 2013, 09:05

Re: Weg von Lorazepam - oder nicht?

Ungelesener Beitrag von biggi-65 » Montag 11. Juni 2018, 09:10

Hallo

wie du oben lesen kannst. Nein 100 % geht die Aufregung nie weg.
ABER: das ist doch vollkommen normal. Wenn man eine Reise unternimmt ist man aufgeregt. Viele verwechseln das mit Angst. Ist mir auch so gegangen.

Lass die Tabletten weg. Oder lass sie im Handgepäck. Wie ein Pflaster. das benutzt du ja auch nur wenn es sein muss.

Ich bin mir sicher dass du die Dinger gar nicht mehr brauchst. Sondern aus reiner Gewohnheit einschmeisst. und dass ist so ziemlich das falscheste was man machen kann.

les dich hier mal durch. wir haben es alle ohne geschafft.

Flug3451
Beiträge: 421
Registriert: Donnerstag 14. Januar 2016, 11:23

Re: Weg von Lorazepam - oder nicht?

Ungelesener Beitrag von Flug3451 » Montag 11. Juni 2018, 16:48

Hallo Wenlanya,

herzlich Willkommen im Forum.

Im großen Ganzen kann ich Biggi nur Recht geben, was Lorazepam betrifft. In der Info Ecke findest du ein Sammelsurium von Dingen, die anderen geholfen haben ihre Flugangst in den Griff zu bekommen und das ganz ohne Medikamente, die nicht für Flugängstige gemacht wurden. Biggi ist eine von vielen, die du auch gut nachlesen kannst. Denn das ist ein wesentlicher Punkt, nicht nur ausprobieren, sondern auch darüber reden / schreiben, was es dir gebracht hat. So reflektiert man sich besser und nimmt Dinge wahr, die man sonst nicht wahrnehmen würde, dass gilt besonders für positive Entwicklung oder man wird darauf hingewiesen. Bei Enttäuschungen oder Stillstand ist ein Austausch auch ganz gut, weil man sich nicht alleine fühlt oder einer entdeckt, dass sich unbewusst ein Fehler eingeschlichen hat im Denken oder beim Ablauf einer Entspannungstechnik. Alles schon da gewesen, nichts schlimmes aber derjenige, der sich mitteilt dem kann auch geholfen werden.
Welanya hat geschrieben:Auch wenn ich durch die Tabletten nur wenig eingeschränkt bin, so lange ich nicht Autofahren muss, wäre es doch besser, einfach mal ganz normal zu fliegen und mich dem ganz klar und nüchtern auszusetzen. Da die nächste Strecke die, wie gesagt, erste Fernstrecke wird, glaube ich nicht es da auf dem Hinflug schon ohne schaffen zu können - aber auf dem Rückflug vielleicht. Wer von euch ist von Benzos weggekommen? Ist die Flugangst völlig verschwunden?

Was soll sich den zwischen Hinflug und Rückflug ändern, dass du meinst du könntest es ohne Lorazepam schaffen? Du solltest jetzt dein Werkzeug sammeln um deine Angst in den Griff zu bekommen. Nimm dir Zeit und Ruhe und gehe z. B. den Thread "Erste-Hilfe-Paket" Punkt für Punkt durch.(viewtopic.php?f=36&t=2526 ) Wenn du Gedanken oder Fragen hast, schreib sie in deinen Thread. Es gibt immer jemand, der dir dann antworten wird.

Zum Schluss stelle ich dir ein Posting von Jürgen (Admin und über 35 J. Pilot u. Kapitän) zum Thema Tavor / Lorazepam rein:
mal ganz ehrlich, was soll eine Flugbesatzung mit einem Passagier machen, der sich mit Thavor zugedrönt hat?
Thavor basiert auf dem Wirkstoff Lorazepam und ist ein Benzodiazepin - es soll Angst lösen. Es wird im Krankenhaus auch zur Sedierung eingesetzt.

Ein Fluggast, der ein solches Medikament eingenommen hat ist nicht verkehrstüchtig und muß von der Beförderung ausgeschlossen werden. Stell Dir vor, Du trinkst noch ein Sektchen oder ein Bier dazu! Dann ist Atemnot in dieser Kombination vorprogrammiert wenn Du Dich in Deine Flugangst steigerst. In einem wirklichen Notfall wärst Du nicht mehr in der Lage das Flugzeug ohne Hilfe zu verlassen.
Willst Du das? Ich glaube kaum. Bedenke immer, in der Druckkabine eines Verkehrsflugzeuges bist Du in einer Druckhöhe wie auf einer Bergwanderung.
Ach ja, wann fliegst du den?

LG
Flug3451

reisehoehe
Beiträge: 5
Registriert: Montag 11. September 2017, 13:49

Re: Weg von Lorazepam - oder nicht?

Ungelesener Beitrag von reisehoehe » Dienstag 26. Juni 2018, 22:19

Mir persönlich hat Tavor/Lorazepam im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie - neben Entspannungs- und Atemübungen sowie einer systematischen Desensibilisierung im Vorfeld - als einer von mehreren Bausteinen im Notfallkoffer geholfen, nach über 5 Jahren wieder ins Fluzeug zu steigen. Nach Rücksprache mit Therapeut und Hausarzt. Ich rede hier von 0,5mg - der niedrigsten Dosierung - auf dem Hinflug. Auf dem Rückflug hab ich es schon gar nicht mehr gebraucht - wenngleich ich froh war, es dabei zu haben.

Medikamentöse Unterstützung bedingt nicht per se ein Wegdröhnen der Angst, ein Auftreten starker Nebenwirkungen, eine langfristige Verstärkung der Angst und/oder den Weg in die Abhängigkeit. Kann aber passieren! Ob, ist von vielen verschiedenen Begleitumständen, die i n d i v i d u e l l e Person und Dosierung betreffend, abhängig. Und deshalb ist das Thema wohl so kontrovers: Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht.

Ich schreibe das, da sich manch mitlesende Person vielleicht durch etwaige Horrorszenarien zusätzlich unter Druck gesetzt fühlt. Davon haben Flugängstliche nämlich schon genug im Kopf! Eine Verharmlosung von Lorazepam oder anderen Medikamenten hilft ebenso wenig wie eine Verteufelung. Es ist natürlich absolut wünschens- und begrüßenswert, es gänzlich ohne Medizin zu schaffen, gar keine Frage!!! Dies wäre auch immer mein erster Ansatz.

Mathes
Beiträge: 13
Registriert: Montag 6. August 2018, 17:33

Re: Weg von Lorazepam - oder nicht?

Ungelesener Beitrag von Mathes » Sonntag 12. August 2018, 14:08

Hi Wenlanya,
aus eigener –bitterer– Erfahrung:

Finger weg von dem Zeug!!!!

Nach Rücksprache mit meinem Doc habe ich auf meinem letzten Flug (Düsseldorf–Los Angeles) auch Tavor und andere Beruhigungsmittelchen eingeworfen– leider ging der Schuß VÖLLIG nach hinten los. Diese Mittel können in der Luft nämlich auch paradox wirken und Deine Panik sogar noch verstärken– so wie bei mir.. :| Führte dann dazu, dass ich mit jeder Tablette NOCH MEHR Angst bekam.....
Ich hielt es dann auch noch für eine ‚prima‘ Idee, zwei Glas Rotwein hinterher zu kippen.........naja,...... hat auch nicht funktioniert.... :|

Also besser von Allohol und Tabletten die Finger lassen.....

LG
Mathes

Mutays
Beiträge: 2
Registriert: Samstag 4. Juli 2020, 02:02

Re: Weg von Lorazepam - oder nicht?

Ungelesener Beitrag von Mutays » Samstag 4. Juli 2020, 02:11

Für mich geht das wirklich auf...nach jahrelangem Leid gönne ich mir während des Fluges 2 Tabletten..Tavor oder so...und habe immer noch Angst, aber denke nicht, dass ich sterben muss.
Was mir Angst macht, ist dass ich nach Tavor manchmal wirklich einen Gedächtnisverlust habe...
Kennt das jemand?

Flug3451
Beiträge: 421
Registriert: Donnerstag 14. Januar 2016, 11:23

Re: Weg von Lorazepam - oder nicht?

Ungelesener Beitrag von Flug3451 » Montag 10. August 2020, 21:47

Mutays hat geschrieben:
Samstag 4. Juli 2020, 02:11
Was mir Angst macht, ist dass ich nach Tavor manchmal wirklich einen Gedächtnisverlust habe...
Vielleicht solltest du dir doch mal Zeit nehmen und Erfahrungsberichte von Flugängstigen lesen, wie sie ihrer Angst in den Griff bekommen haben.

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